«Corona bedroht den Schweizer Fussball in seiner Existenz»

  • SFL-Präsident Heinrich Schifferle sieht die Strukturen des Schweizer Profifussballs durch die Corona-Krise akut gefährdet. (freshfocus)

Die Swiss Football League beschäftigt sich intensiv mit den organisatorischen Voraussetzungen für eine Weiterführung ihrer Meisterschaften. Der Präsident Heinrich Schifferle nimmt in einem Interview Stellung zu den zentralen Fragen und fordert dringend finanzielle Unterstützung für den gesamten Schweizer Fussball.

Die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus haben weitreichende Konsequenzen für die Gesellschaft. Auch der professionelle Fussball ist davon stark betroffen. Bereits am 28. Februar 2020 hatte die Swiss Football League (SFL) aufgrund der Anordnung der Behörden ihre Meisterschaften unterbrochen. Die Klubs waren gezwungen, den Betrieb einzustellen, wodurch ihnen seither die zentralen Einnahmen aus dem Spielbetrieb fehlen.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist deshalb eine möglichst rasche, wenn auch eingeschränkte Normalisierung des Trainings- und Spielbetriebs von zentraler Bedeutung für das Überleben der Klubs. Die Grundlage für die nächsten Planungsschritte bildet die mehrstufige Exit-Strategie des Bundes. Am Mittwoch werden wichtige Entscheide des Bundesrats zum Sport erwartet. Der SFL-Präsident Heinrich Schifferle äussert sich im Vorfeld zu den zentralen Fragen, die sich für den Schweizer Fussball stellen.

Heinrich Schifferle, wann wird in den beiden höchsten Schweizer Fussball-Meisterschaften wieder gespielt?

Diese Frage können wir im Moment nicht beantworten. Natürlich fehlen Ihnen und mir die Fussballspiele und auch die Wettkämpfe in anderen Sportarten, die Abwechslung und Unterhaltung in die schwierige und ungewohnte Lebenssituation mit dem Coronavirus bringen würden. Aber bevor wir über konkrete Daten sprechen, müssen wir alle offenen organisatorischen und finanziellen Fragen sauber geklärt haben.

Welche offenen Fragen beschäftigen Sie konkret?
Es geht um die infrastrukturellen und medizinischen Rahmenbedingungen, unter welchen Trainings und Geisterspiele durchgeführt werden können. Dann stellen sich Fragen zu den Kosten dieser Massnahmen. Parallel dazu müssen die Klubs von den kantonalen und/oder kommunalen Behörden die Bewilligungen für mögliche Geisterspiele erhalten. Und sollte schliesslich die Situation längerfristig nur Geisterspiele zulassen, stellt sich bei den Klubs ein weiterer Strauss finanzieller Fragen, besonders wie sie in einer längeren Phase mit Spielen ohne Publikum – und damit ohne Einnahmen – wirtschaftlich überleben können. Der Bundesrat wird am Mittwoch die weiteren Lockerungsschritte für den Gesamtsport präsentieren. Am Ende entscheiden die Fakten in Form von Antworten zu den genannten Fragen darüber, ob, wann und unter welchen Bedingungen in unseren Stadien wieder Fussball gespielt wird.

Beginnen wir mit den Rahmenbedingungen. Die SFL hat ein umfassendes Konzept zur Wiederaufnahme des Trainings- und Spielbetriebs sowie ein zusätzliches Schutzkonzept beim Bundesamt für Sport (BASPO) eingereicht. Könnte der Profi-Fussball die Trainings in Kleingruppen schon bald wieder aufnehmen, wenn der Bundesrat die entsprechenden Lockerungen beschliesst?
$Unsere Vorarbeiten wurden sehr geschätzt und die detaillierten Beschreibungen der infrastrukturellen und medizinischen Rahmenbedingungen für das mögliche weitere Vorgehen in den Fussballmeisterschaften dienen dem gesamten Schweizer Sport. Die SFL hat zusätzlich ein Schutzkonzept für den Profifussball eingereicht, das aufzeigt, wie unter den nach wie vor geltenden Schutzmassnahmen die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs in den Klubs geregelt sein muss. Wenn der Bundesrat also nach dem Beschluss über die Lockerung auch das Schutzkonzept der SFL akzeptiert, wäre es theoretisch denkbar, die Trainings in Kleingruppen ab Mai wieder aufzunehmen.

Hat der Einschub «theoretisch» mit den zu erwartenden Kosten für die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs und die Durchführung von Geisterspielen für die Klubs zu tun?
Zu einem grossen Teil, ja. Die SFL ist nun daran, die eigenen Konzepte nach den diversen Rückmeldungen aus den Bundesämtern weiter zu verfeinern und die daraus entstehenden Umsetzungskosten zu evaluieren. Beispielweise hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) geantwortet, flächendeckende Covid-19 Tests in den Klubs seien nicht erforderlich. Das hat einen Einfluss auf die Berechnung der Kosten. Wir müssen nun schnellstmöglich wissen, wie hoch die Kosten insbesondere für die Phase der Geisterspiele – wir sprechen von 13 Meisterschaftsrunden – bei den Klubs ausfallen und hoffen, diese Zahlen bis Ende Woche zu kennen.

Für die Klubs wird bei dieser Kostenberechnung die Frage zentral sein, ob sie bereits bei der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs die Kurzarbeit bei den Spielern aufgeben müssen.
Davon gehe ich nicht aus. Dies hätte für die Klubs drastische Konsequenzen. Die SFL hat beim SECO den Antrag gestellt, dass bei Wiederaufnahme des Trainings- und Spielbetriebs weiterhin Kurzarbeit bewilligt bleibt, weil die Klubs bei der Durchführung von Geisterspielen keine Einnahmen generieren können, aber gleichwohl Kosten zu tragen haben. Wir warten gespannt auf diese Antwort, die für die Berechnung des Aufwands von Geisterspielen in den Klubs sehr wichtig ist.

Hängt also der Entscheid über die nächsten Schritte in Bezug auf die Planung von Geisterspielen vor allem von Kosten/Nutzen-Aspekten ab?
Nicht nur. Es gibt auch noch Entscheide ausserhalb unserer Organisation, die wir nicht beeinflussen können. So müssen an jedem Standort unserer 20 Klubs die lokalen Behörden die Bewilligungen für Geisterspiele an neuen Spieldaten erteilen. Ohne diese Bewilligungen lassen sich die je 65 Spiele in den beiden Meisterschaften in dieser kurzen Zeitspanne bis August nicht ansetzen, was das ambitionierte Projekt der Wiederaufnahme unseres Spielbetriebs ebenfalls gefährden könnte.

Bezüglich der Geisterspiele stellt sich die Frage, wie lange mit diesem Szenario geplant werden muss. Das wird für die Berechnung der Kosten ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, oder?
Das ist die grosse Frage, die uns und unsere Klubs umtreibt. Sie benötigen eine verlässliche Auskunft, ab wann sie wieder mit Zuschauern im Stadion rechnen können; je früher desto besser. Damit sind wir beim letzten wichtigen Themenbereich: der finanziellen Zukunft der Klubs, über die laufende Saison hinaus. Müssen die Klubs für eine längere Zeit ohne Zuschauer im Stadion auskommen, gerät der gesamte Schweizer Fussball in akute Gefahr. Von einem funktionierenden Profibetrieb hängen alle anderen Institutionen und Bereiche wie die Nationalmannschaft, der Frauenfussball, aber auch die Junioren und der Breitensport direkt oder indirekt ab. Der Fussball ist jetzt dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Wie könnte diese Unterstützung aussehen?
So lange die Klubs ohne Publikum spielen müssen, generieren sie keine Einnahmen – es bleiben ihnen aber die weiterlaufenden Kosten für Infrastruktur und Personal. Es droht innert kürzester Zeit die Illiquidität und die Überschuldung. Die Corona-Krise bedroht den Schweizer Fussball in seiner Existenz. Aus diesem Grund sind die Klubs in dieser schwierigen Phase auf die Solidarität des gesamten Umfelds angewiesen. Aber sie können am Ende ohne staatliche Liquiditätshilfe nicht überleben! Deshalb setzt sich die SFL für den Aufbau eines durch den Bund verbürgten Finanzstabilisierungsfonds für den Gesamtfussball ein, um unbürokratisch die wirtschaftliche Fortführung des Spitzenfussballs in der Schweiz zu sichern und den Zusammenbruch der Nachwuchsarbeit in den Regionen zu verhindern.

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